Der Weg chronisch Kranker wird steiniger

Das Jahr 2013 in Deutschland war geprägt von negativen Geschehnissen bei den Kranken – bei der Behandlung der Dialysepatienten gab es in der Jahresmitte die Kürzung der Sachkostenpauschale bei Dialyseanbietern, die stillschweigend bereits in einigen Zentren zu negativen Auswirkungen geführt hat. Es gibt oft keine echte Nachtdialyse mehr, reduzierte Behandlungszeiten wurden durch größere Kapillaren kompensiert, eine in Mutterschutz gehende Schwester wurde personell nicht ersetzt, es gibt weniger Brötchen oder sie waren auf einmal kleiner, und die Sportgeräte während der Behandlung sind verschwunden. Man will Kosten bei den Anbietern einsparen. Noch konnten keine negativen Zeichen bei der medizinischen Versorgung festgestellt werden. Aber trifft man letztendlich nur den Patienten?
editorialNoch gravierender allerdings war der Schreck bei den Wartepatienten für eine Spenderniere, als sich die im europäischen Vergleich ohnehin niedrigen Zahlen der Organspende und Transplantation in Deutschland am Jahresende 2013 mit 10,9 Prozent pro Million Einwohner abermals von 12,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr reduziert haben. Entsprechend war der Rückgang bei den durchgeführten Transplantationen um 13,6 Prozent. Vergleichen Sie hierzu gern unsere ausführlichen Statistiken im Forum Organspende des “Diatra-Journal 1-2014”. Die 2012 in einigen Zentren festgestellten Manipulationen bei der Anmeldung zur Lebertransplantation waren der i-Punkt eines negativen Trends rund um das sensible Thema Organentnahme, was vor allem durch die Berichterstattung überhaupt an die Öffentlichkeit kam. Zunehmend hat man auch Randgruppen sowie kirchliche Würdenträger mit der Anzweiflung des Hirntodes ohne Widersprüche von Ärzten und Politikern hingenommen.

Was aber nach vielen Aussagen der Hauptgrund für die geringen Organentnahmen ist: die ungenügende finanzielle Ausstattung von Kliniken. Sind Organentnahmen nicht analog zu anderen Operationen zu sehen? Warum entscheidet – hinter vorgehaltener Hand – die kaufmännische Leitung in den Kliniken, ob man überhaupt den Gedanken an eine Organspende aussprechen, geschweige denn durchführen darf, entgegen aller gesetzlichen Vorgaben? Es ist daher schon etwas anmaßend, wenn die Koordinierungsstelle meint, man wolle keine finanziellen Anreize schaffen, um einem Organhandel keinen Vorschub zu leisten. Heutzutage nur die Worte „hochherzige Tat“ zu verkünden, läßt allein keinen Spielraum, um in den nur auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Kliniken noch Organspenden durchführen zu können.

Der Unterboden für Organentnahmen muß stimmen, sonst können wir alle flankierenden Maßnahmen wie die Information der Bürgerinnen und Bürger vergessen. Die mit der Entscheidungslösung vereinbarte Aufklärung durch die Krankenkassen wurde vielfach als seriöse Sache angesehen, obwohl zum Beispiel Organspendeausweise millionenfach in den letzten 40 Jahren zur Verteilung kamen. Die jetzt wieder von der BZgA und der DSO-Stiftung „Fürs Leben“ mit Anzeigenschaltungen in Zeitschriften oder Plakaten pro Organspende vorgestellten Personen bringen keine weiteren Organspender. Diese öffentlichen Gelder sollten nutzbringender für die Arbeit an der Basis, zum Beispiel bei Entnahmekliniken, Verwendung finden. Nicht vergessen sollte man die Selbsthilfe, der man durch ihre Authentizität hohen Glauben schenkt, sie aber oft links liegen läßt.

Auch wurde mit der Entscheidungslösung durch den Bund den Ländern eine Pflichtbestellung von Transplantationsbeauftragten auferlegt. Eine späte, aber richtige Entscheidung. Nur, wie wird das Ganze bei den Ausführungsbestimmungen der Bundesländer aussehen? Warum läßt man 16-mal eigene unterschiedliche Texte schaffen, die jedes Land nach Gutdünken auslegen kann? Wird denn auch die finanzielle Ausstattung der Transplantationsbeauftragten unterschiedlich ausfallen? Haben die hoffentlich qualifizierten Personen ein Anrecht für die vom Bund in Aussicht gestellte finanzielle Leistung, oder streichen die Kliniken diese Gelder als Zubrot ein und lassen ihre „Angestellten für die Organspendeerkennung“ – vielleicht steht der Titel nur auf dem Papier – arbeiten wie bisher?

Es sind viele Dinge nicht nur am Schreibtisch, sondern in der Praxis zu klären. Ich glaube noch nicht den Marketingworten des Bundesministeriums für Gesundheit, wir seien auf einem guten Weg. Wie viele Wartepatienten für ein Spenderorgan müssen noch Opfer werden?

Es bleibt allerdings auch eine unbeantwortete Frage im Raum: Warum in Deutschland im Jahr 2013 im Vorjahresvergleich rund 500 Patienten weniger zur Transplantation angemeldet wurden, wo doch niedrige Zahlen bei der Nierentransplantation nichts mit dem Wunsch nach Transplantation zu tun haben dürften.

Liebe Mitpatienten, ich wünsche Ihnen allen ein besseres Jahr in 2014,
Ihr Gerhard Stroh